Direkt zum Inhalt
Logo "Tacheles - Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026". Links ist eine halbe Menorah in blauen Farbtönen zu sehen.

Oh, ihr Menschenbrüder (Albert Cohen)

Lesung mit Renate Obermaier und Heinzl Spagl

disputhek
9
Juli2026
20:00 Uhr

AZ Conni

Rudolf-Leonhard-Straße 39
01097 Dresden

Veranstalter: disput – Forum für kritische Gesellschaftstheorie und Bildung e.V.
Eintritt: frei
Zur Veranstaltung

Während Albert Cohen in Frankreich als Schriftsteller ersten Ranges gilt, ist er hierzulande beinahe unbekannt. Oh, ihr Menschenbrüder (fr. Ô vous, frères humains) begriff er als sein Testament. In dem Alterswerk wendet sich Cohen, der sich dem Tode nahe sieht, seinem sehr viel jüngeren Ich zu und teilt darin seine Erfahrung mit, die ihn zeitlebens nicht mehr loslassen sollte. Als er an seinem zehnten Geburtstag von einem französischen Straßenhändler als Jude beschimpft wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. Was folgt, ist eine Erschütterung, wie sie womöglich nur die Literatur darzustellen vermag. Der Antisemitismus, der ihm in der alltäglichsten Szene entgegenschlägt, ist nicht mehr der alte, christliche Antisemitismus, sondern der radikale Antisemitismus der Dreyfus-Affäre. Dieser Antisemitismus hat – wie Cohen selbst festhält – seinen Fluchtpunkt in den deutschen Vernichtungslagern.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit dem Referat Politische Bildung des StuRa der TU Dresden, dem Alternativen Zentrum Conni und dem ça ira-Verlag, in welchem Albert Cohens Werk 2024 in deutscher Übersetzung erschien.

Über den Veranstalter

Die disputhek – Bibliothek sowie Raum für kritische Auseinandersetzungen und Veranstaltungsort – beinhaltet die Bücher aus verschiedenen Privatbibliotheken, die uns dankenswerterweiser überlassen wurden. Diese werden in den Räumen nicht nur archiviert, sondern auch katalogisiert und der Öffentlichkeit im Rahmen eines Bibliotheksbetriebs zugänglich gemacht. 

Die disputhek ist keine Bibliothek im klassischen Sinn, sondern soll die Infrastruktur bieten, gegenstandsorientiert zu diskutieren. Kern der Bibliothek ist der Nachlass an Büchern des 2019 verstorbenen Kritikers Joachim Bruhn. Von besonderer Bedeutung für die Zusammenstellung der Bücher sind Bruhns Reflexionen zum bürgerlichen Subjekt und dessen Tendenz, sich in Krisenzeiten in die Ideologie einer homogenen Volksgemeinschaft zu flüchten. Damit gehe Bruhn zufolge ein Identitätszwang für das Subjekt einher, welcher kontinuierlich Abspaltungen und Projektionen erzeugt. Antisemitismus als Feindbildprojektion und die Realität Israels bildeten daher nicht zufällig einen zentralen Ausgangspunkt für sein Denken.

Vor diesem Hintergrund beschäftigte sich Bruhn auch viel mit linken Bewegungen und ihrer Geschichte. Die Bücher aus seinem Nachlass zeugen von Bruhns Kritik und umfassen nicht nur Werke der Kritischen Theorie und andere gesellschaftskritische Texte, sondern auch zahlreiche Primärquellen aus verschiedenen historischen Epochen und Denkschulen (Nationalsozialismus, Stalinismus, Romantik, Aufklärung etc.), denn eine Kritik an Herrschaft, politischer Ökonomie, Antisemitismus und menschenfeindlichen Projektionen ist ohne eine Rezeption des Gegenstands nicht möglich.