Die Transkulturalität der jüdischen Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts
Vortrag von Nicolas Dreyer (Bamberg) im Rahmen der Vorlesungsreihe "Jüdische Kultur und Erinnerung im transnationalen Kontext"
Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
Stefan-Heym-Platz 1
09111 Chemnitz
Der Vortrag geht dem literarischen und publizistischen Netzwerk nach, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zwischen deutschen, österreichisch-ungarischen und osteuropäischen jüdischen Intellektuellen entwickelte. Im Fokus dabei steht die deutschsprachige jüdische Erzählliteratur, die vom Paradigma der Haskalah und der Akkulturation geprägt war, und vor allem in den literarischen Epochen des Vor- und Nachmärzes und der Jungdeutschen entstand. Die Hoch- und Populärliteratur der Zeit war geprägt von historischen Romanen à la Walter Scott und sogenannten Zeitromanen, aber auch dem Bildungsroman, der von Goethe inspirierten europaweit beliebten Gattung. Für solche Werke mit jüdischem Thema interessierte sich die sich stark entwickelnde jüdische Presse in ganz Europa. Literarische und journalistische Texte wurden in unterschiedliche Sprachen übersetzt. Jüdische Publizisten und Intellektuelle waren im aschkenasischen Kulturraum in Mittel- und Osteuropa transnational vernetzt und nahmen gegenseitiges Interesse an publizistischen Unternehmungen.
Der Vortrag untersucht die enorme Bedeutung, die die jüdische Belletristik und Presse für die Entwicklung intellektueller Strömungen im europäischen Judentum hatte. Dazu betrachtet es zwei Zeitschriften, die deutsche Gartenlaube (1853-1899) und die russisch-jüdische Zeitschrift Voschod (Der Aufgang, 1881-1906) und das zwischen ihnen bestehende publizistische Netzwerk. Dabei entsteht ein faszinierendes Panorama jüdischer Vielsprachigkeit und Transkulturalität zwischen Mittel- und Osteuropa zur Zeit entscheidender Transformationen für das Judentum.
Organisiert wird die Ringvorlesung von Prof. Dr. Teresa Pinheiro, Inhaberin der Professur Kultureller und Sozialer Wandel an der TU Chemnitz, und Prof. Dr. Cecile Sandten, Inhaberin der Professur Anglistische Literaturwissenschaft der TU Chemnitz in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz, den Tagen der jüdischen Kultur e.V. sowie den Freunden des smac e.V.
Zur Person
PD Dr. Nicolas Dreyer habilitierte sich 2024 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in Russischer Kultur- und Literaturwissenschaft mit einem Forschungsprojekt über die literatur- und geistesgeschichtlichen Beziehungen zwischen dem deutschsprachigen und dem russischsprachigen Judentum im späten 19. Jahrhundert. Neben postsowjetischer russischer Literatur und historischer deutsch- und russischsprachiger jüdischer Literatur und Transkulturalität forscht und publiziert er zu historischen Diskursen in Russland, der Ukraine und Polen, besonders zum Thema des Gedenkens an die Schoah. Nicolas Dreyer ist seit vielen Jahren im christlich-jüdischen Dialog und der Erwachsenenbildung tätig. Berufliche Stationen umfassten u.a. kommunale Städtepartnerschaftsprojekte, Mitarbeit beim Ebenezer Hilfsfonds Deutschland e.V. in Hamburg und dem Jüdischen Nationalfonds – Keren Kayemeth LeIsrael e.V. (JNF-KKL) in Frankfurt a.M., sowie gegenwärtig beim Johannes-Albers-Bildungsforum in Königswinter.
Zur Vorlesungsreihe
Jüdische Kultur und Erinnerung im transnationalen Kontext
Sommersemester 2026, mittwochs 18:15 Uhr im Vortragssaal, smac
Im Rahmen des Themenjahres Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026 lädt die Ringvorlesung im Sommersemester 2026 zu einer vielstimmigen Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur, Geschichte und Erinnerung ein. Internationale und interdisziplinäre Perspektiven eröffnen Einblicke in jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart – über nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg.
Im Mittelpunkt stehen literarische, historische sowie kultur- und erinnerungstheoretische Fragestellungen, die die Vielfalt jüdischer Erfahrungen, Ausdrucksformen und transnationalen Verflechtungen sichtbar machen. Die Vortragsreihe verbindet aktuelle Forschung mit innovativen Ansätzen und rückt insbesondere die Bedeutung jüdischer Akteurinnen und Akteure für die europäische Moderne und die Erinnerungskultur in den Fokus.
Die Ringvorlesung versteht sich als offenes Forum für Austausch und kritische Reflexion und lädt dazu ein, Kontinuitäten, Brüche und bislang wenig beachtete Leerstellen jüdischer Kulturgeschichte neu zu denken.
Organisation: Prof. Dr. Teresa Pinheiro (Professur Kultureller und Sozialer Wandel, Technische Universität Chemnitz) Prof. Dr. Cecile Sandten (Professur Anglistische Literaturwissenschaft, Technische Universität Chemnitz), in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz, den Tagen der jüdischen Kultur e.V. sowie den Freunden des smac e.V.
Barrierefreiheit auf der Veranstaltung
Über den Veranstalter
Die Technische Universität Chemnitz ist eine weltoffene Universität, die regional, national und international stark vernetzt ist. Mit rund 8.300 Studierenden aus 94 Ländern und etwa 2.400 Beschäftigten ist sie die drittgrößte Hochschule in Sachsen. Bezogen auf den Anteil ausländischer Studierender belegt die TU Chemnitz unter den staatlichen Universitäten bundesweit eine Spitzenposition. Chemnitz gehört einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts Prognos zufolge zu den zehn lebenswertesten Großstädten Deutschlands und ist damit Spitzenreiter in Sachen Lebensqualität. Die Stadt kann zudem auf einen hohen Anteil hochqualifizierter Beschäftigter verweisen. Dies verdankt sie auch ihrer Universität, denn die TU Chemnitz ist das intellektuelle Herz der Stadt. Sie hat sich zu einem international sichtbaren Forschungsstandort für künftige Wertschöpfungsprozesse und nachhaltige Zukunftssicherung entwickelt.
