Anschreiben gegen die ‚Weltverstörung des Nationalismus‘ – Stefan Zweigs Autobiographie Die Welt von gestern (1942)
Vortrag von Nicolas Berg (Leipzig) im Rahmen der Vorlesungsreihe "Jüdische Kultur und Erinnerung im transnationalen Kontext"
Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
Stefan-Heym-Platz 1
09111 Chemnitz
Der Vortrag stellt eines der bekanntesten Exilzeugnisse in deutscher Sprache aus der Mitte des 20. Jahrhunderts vor, Stefan Zweigs „Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers“ (1942). Der Autor erlebte Drucklegung und Aufnahme seiner Bilanzschrift nicht mehr; zusammen mit seiner Frau Lotte nahm sich Zweig in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 in Petrópolis bei Rio de Janeiro das Leben. Die Idee des Buchs war aus seinem Nachdenken über die ideellen politischen und kulturellen Möglichkeiten eines vereinigten Europas entstanden, das nach der „Weltverstörung durch den Nationalismus“, dem verheerenden Weltkrieg von 1914-1918, neu zu begründen war. Der Anlass, das Buch dann als Autobiographie zu beginnen und zu schreiben, war Zweigs Vertreibung aus Salzburg 1934 und die erneute Flucht vor den Nazis aus seinem ersten Exilland England. Nun blickte Zweig von Amerika aus auf ein von Deutschland besetztes Europa, das sich in einem neuerlichen Weltkrieg daran machte, die Zerstörung der europäischen Kultur noch einmal zu überbieten. Die Vernichtung jüdischen Lebens wurde für Zweig zum dunklen Symbol der Selbstverneinung des Kontinents, der er mit seiner flammenden Verteidigung der Juden als dem Sinnbild Europas und der Anprangerung der „geistigen Epidemie unseres Jahrhunderts“, dem Fremdenhass und der Fremdenangst, ein letztes Mal entgegenzutreten versuchte.
Organisiert wird die Ringvorlesung von Prof. Dr. Teresa Pinheiro, Inhaberin der Professur Kultureller und Sozialer Wandel an der TU Chemnitz, und Prof. Dr. Cecile Sandten, Inhaberin der Professur Anglistische Literaturwissenschaft der TU Chemnitz in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz, den Tagen der jüdischen Kultur e.V. sowie den Freunden des smac e.V.
Zur Person
Dr. Nicolas Berg ist Leiter des Forschungsressorts „Wissen“ am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow. Er forscht und lehrt über deutsch-jüdische Ideengeschichte und Geschichtsschreibung (19. und 20. Jahrhundert), über die Geschichte des Antisemitismus sowie über historische Sprachkritik, Begriffs- und Metapherngeschichte. Zuletzt erschienen: Der Berliner Antisemitismusstreit. Eine Textsammlung von Walter Boehlich, neu hrsg. von Nicolas Berg, Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2023; Jüdische Sprachkritik nach dem Holocaust, Schwerpunkt in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 2/2023 (zus. mit Elisabeth Gallas und Aurélia Kalisky).
Zur Vorlesungsreihe
Jüdische Kultur und Erinnerung im transnationalen Kontext
Sommersemester 2026, mittwochs 18:15 Uhr im Vortragssaal, smac
Im Rahmen des Themenjahres Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026 lädt die Ringvorlesung im Sommersemester 2026 zu einer vielstimmigen Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur, Geschichte und Erinnerung ein. Internationale und interdisziplinäre Perspektiven eröffnen Einblicke in jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart – über nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg.
Im Mittelpunkt stehen literarische, historische sowie kultur- und erinnerungstheoretische Fragestellungen, die die Vielfalt jüdischer Erfahrungen, Ausdrucksformen und transnationalen Verflechtungen sichtbar machen. Die Vortragsreihe verbindet aktuelle Forschung mit innovativen Ansätzen und rückt insbesondere die Bedeutung jüdischer Akteurinnen und Akteure für die europäische Moderne und die Erinnerungskultur in den Fokus.
Die Ringvorlesung versteht sich als offenes Forum für Austausch und kritische Reflexion und lädt dazu ein, Kontinuitäten, Brüche und bislang wenig beachtete Leerstellen jüdischer Kulturgeschichte neu zu denken.
Organisation: Prof. Dr. Teresa Pinheiro (Professur Kultureller und Sozialer Wandel, Technische Universität Chemnitz) Prof. Dr. Cecile Sandten (Professur Anglistische Literaturwissenschaft, Technische Universität Chemnitz), in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz, den Tagen der jüdischen Kultur e.V. sowie den Freunden des smac e.V.
Barrierefreiheit auf der Veranstaltung
Über den Veranstalter
Die Technische Universität Chemnitz ist eine weltoffene Universität, die regional, national und international stark vernetzt ist. Mit rund 8.300 Studierenden aus 94 Ländern und etwa 2.400 Beschäftigten ist sie die drittgrößte Hochschule in Sachsen. Bezogen auf den Anteil ausländischer Studierender belegt die TU Chemnitz unter den staatlichen Universitäten bundesweit eine Spitzenposition. Chemnitz gehört einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts Prognos zufolge zu den zehn lebenswertesten Großstädten Deutschlands und ist damit Spitzenreiter in Sachen Lebensqualität. Die Stadt kann zudem auf einen hohen Anteil hochqualifizierter Beschäftigter verweisen. Dies verdankt sie auch ihrer Universität, denn die TU Chemnitz ist das intellektuelle Herz der Stadt. Sie hat sich zu einem international sichtbaren Forschungsstandort für künftige Wertschöpfungsprozesse und nachhaltige Zukunftssicherung entwickelt.
