Interview mit Moritz Gogg, Intendant des GTO
Von der Steiermark ins Erzgebirge: Moritz Gogg leitet die Erzgebirgische Theater und Orchester GmbH (ETO). Zu dieser gehört auch das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz, welches mit mehreren Beiträgen zum Jahr der jüdischen Kultur aufwartet. So läuft dort aktuell die fast vergessene Operette „Die gelbe Lilie“ des jüdischen Komponisten Michael Krasznay-Krausz. Wir haben mit Moritz Gogg über ihn und das Finden von musikalischen Schätzen gesprochen.
Sie sind gebürtiger Grazer und haben in Wien Gesang und Rechtswissenschaften studiert. Woher kommt diese ungewöhnliche Mischung an Studienfächern?
MG: Da ich nach meiner Sängerlaufbahn immer schon Intendant werden wollte, dachte ich mir, dass rechtliche Kenntnisse dafür bestimmt nicht von Nachteil sind. Es zeigte sich aber schnell, dass das zeitlich sehr intensive Gesangstudium mit dem Studium der Rechtswissenschaften nicht vereinbar war. Daher konzentrierte ich mich sehr schnell gänzlich auf das Gesangstudium.
Nach beruflichen Stationen in Linz, Hamburg und Gießen sind Sie seit 2021 Geschäftsführender Intendant der Erzgebirgischen Theater und Orchester GmbH (ETO). Was reizte Sie am Erzgebirge?
MG: Die Kombination aus Kultur und Natur ist hinreißend schön. Hier wird das Handwerk, das auch die Basis jeder Kunst ist, in höchster Vollendung beherrscht. Zudem erinnert mich die Lebensart sehr an meine Heimat Österreich. Es lebt sich herrlich hier im Erzgebirge!
Sie starteten als Intendant in der Spielzeit 2021/22 als die COVID-19-Pandemie noch hochaktuell war. Wie hat sich – nach Ihrer Einschätzung – die Kultur/Theater-Landschaft von der Pandemie seitdem erholt und evtl. gewandelt?
MG: Die Überwindung dieser Pandemie hat die tägliche Theaterarbeit danach wieder sehr erleichtert. Die höchste Priorität hatte in dieser Zeit der Schutz und die Sicherheit aller Beschäftigten für mich. Diese Krisenstimmung sind wir in der Gesellschaft aber seither nicht losgeworden: Kriege, Energiekrise, Inflation und so weiter belasten die Gemüter und deshalb geht die Präferenz des Publikums momentan zu eher leichten Stoffen, die einen den beschwerlichen Alltag und die Sorgen vergessen lassen. Diese Unterhaltung und „Seelentröstung“ ist eine unserer wichtigen Aufgaben.
Seit Ihrem Antritt ist das ETO bekannt für das Aufführen von Werken von zu Unrecht verfemten Autoren. Für ihre Premiere in Annaberg wählten Sie die Oper „Leonce und Lena“ von Erich Zeisl aus, einem Wiener Komponisten, der 1938 in die USA fliehen musste, da er jüdisch war. Aktuell läuft die Operette „Die gelbe Lilie“, deren Schöpfer Michael Krasznay-Krausz 1933 ebenso wegen seiner jüdischen Herkunft fliehen musste. Wie finden Sie diese Stoffe und warum haben Sie hier einen Fokus?
MG: Es ist mir ein wichtiges Anliegen, jenen Werken zurück auf die Bühne zu helfen, die aus politischen Gründen aus den Spielplänen getilgt wurden. Man darf ja nicht vergessen, dass das sogenannte „Kernrepertoire“ – also die momentan meist gespielten und populärsten Titel – eine Folge der Nazi-Zeit ist. Davor war „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ eine der meistgespielten Opern, die heute nurmehr sehr selten gespielt wird. Viele dieser verschwundenen Werke zeichnen sich durch allerhöchste Qualität aus – diese Werke der Vergessenheit zu entreißen, ist sehr beglückend.
Geht eine Verpflichtung mit der Wiederaufführung einher?
MG: Ich würde sagen, es sollte eine Haltung damit einhergehen – die Haltung, stets für Menschlichkeit, Toleranz und humanistische Werte einzutreten.
Wie sind die Publikumsreaktionen auf derartige Stoffe?
MG: Großartig – die Leute spüren sofort die grandiose Qualität der Werke und lassen sich mitreißen.
Auf welche Programmpunkte des ETO, die zu Tacheles 2026 gehören, können wir uns in diesem Jahr noch freuen?
MG: Auf folgende:
"Die Sonne scheint für alle umsonst"
Gibt es ein jiddisches Wort, das Ihnen besonders gut gefällt?
MG: "Schmonzes", da meine Großmutter in meiner Kindheit immer zu mir sagte:
„Red´ kan Schmonzes!“
