Der Jüdenberg in Meißen
Die Anfänge jüdischen Lebens in Sachsen
Wieso gibt es in Meißen einen Jüdenberg und wo finden sich heute noch Spuren jüdischen Lebens in der Stadt?
Die Anfänge
Seit gut 900 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Sachsen. Frühe Ansiedlungen lassen sich für Meißen, Freiberg, Torgau, Zwickau, Leipzig und Dresden verzeichnen. Als Händler, Fleischer oder Geldverleiher pflegten sie eigene Gemeinden mit Synagogen und Friedhöfen.
Die ältesten Spuren jüdischen Lebens in Sachsen liegen in Meißen. Schon im 11. Jahrhundert werden Juden urkundlich erwähnt. Über die Größe der Gemeinde ist wenig bekannt, aber sie besaß eine eigene, im Innenraum reich verzierte Synagoge, wie der Rabbiner Isaak ben Mose, der später in Wien lebte, berichtete. Als Kind hatte er in dieser Synagoge gebetet.
In Meißen war es Juden, anders als in anderen Orten, auch gestattet, als Fleischer zu arbeiten. Ihre Handelsorte fanden sich am südlichen Ende der Stadt, nahe der Stadtmauer. 1287 werden erstmals die Fleischbänke in Meißen erwähnt. Hier befanden sich auch die Stände der christlichen Fleischerzunft, auch erkennbar am Straßennamen „Fleischer-Gasse“. In einem Stadtplan von 1832 ist eine „Jüden-Gasse“ in direkter Nähe der Fleischbänke eingezeichnet. (Bild 1) Im Mittelalter befanden sich dort außerdem zwei Stadttore: das Fleischer- und das Jüdentor. Letzteres war vermutlich der einzige Zugang zur Stadt, den Jüdinnen und Juden betreten durften. Auf einem Stadtplan von 1760 ist das Tor eingezeichnet. ("Nr. 15", rechts unten, Bild 2)
Wo genau die Synagoge und damit das Zentrum jüdischen Lebens lag, ist nicht abschließend geklärt. Urkunden, die über Zinszahlungen und Grundstücksfragen berichten, lassen vermuten, dass die Synagoge südlich der Altstadt nahe des Neumarktes bestand. In der Markgrafschaft Meißen konnten Jüdinnen und Juden aber vergleichsweise frei leben. Für sie galten keine Kleidungsvorschriften, etwa ein gelbes Tuch oder der „Judenhut“, der in anderen Gegenden Vorschrift war. Einzelne Aspekte waren in einer "Judenordnung" geregelt, die Markgraf Heinrich der Erlauchte 1265 erließ.
Der Jüdenberg
Der jüdische Friedhof befand sich auf einem Hügel westlich der heutigen Altstadt. Der Name "Jüdenberg" wird erstmals in einer Urkunde von 1286 erwähnt. Allerdings findet sich in Meißen auch ein Grabstein, der einem Mann names Moses gewidmet und auf das Jahr 1232 datiert ist. Der Stein steht heute auf einem Privatgrundstück (Bild 3). Wie groß der Friedhof tatsächlich war, lässt sich nicht mehr sagen.
Zu Fastnacht 1349 wurden die jüdischen Bewohner:innen Meißens von ihren christlichen Nachbar:innen vertrieben oder ermordet. Pogrome dieser Art wurden während der Pest (1348-1350) europaweit begangen, auch in Deutschland. In Meißen ist auffällig, dass Vertreibung und Ermordung noch vor Ausbruch der Pest in der Stadt geschahen, vermutlich wegen antijüdischer Vorurteile und auch dem Wunsch der Meißner Bevölkerung, wirtschaftliche Konkurrenz auszuschalten.
Dafür spricht auch, dass rasch nach dem Pogrom jüdische Orte getilgt und übernommen wurden. Schon am 7. März 1349 überließ der Markgraf in einer Urkunde der Stadt und seinen Bürgern den „Judenberg“ zur eigenen Nutzung, u.a. als „Viehweide“ (Bild 4). Dabei wurde der jüdische Friedhof und die meisten Grabsteine zerstört. Einzelne Grabsteinfragmente liegen heute im Stadtmuseum Meißen (Bild 5). Andere Steine wurden verbaut und finden sich in Kellern von Häusern in der Altstadt oder auch in einem Teil der alten Stadtmauer nahe des früheren Klosters St. Afra (Bild 6).
Eine Urkunde von 1377 belegt außerdem, dass auch die Synagoge und andere jüdische Orte übertragen worden waren. Äbtissin des Klosters zum Heiligen Kreuz bestätigte darin, dass die „Judenhäuser“ der Stadt, die „Judenschule“ (also die Synagoge) der Kirche zu St. Nicolai übertragen worden waren (Bild 7). Nach dem Pestpogrom hatten kurzzeitig wieder Juden in Meißen gelebt, eine Gemeindestruktur blieb aber dauerhaft unmöglich.
Die Bezeichnung "Jüdenberg" aber blieb erhalten und erinnerte an die Zeit jüdischen Lebens in der Stadt. Erst im Nationalsozialismus wurde versucht, dies zu ändern. 1937 wird die Jüdenbergstraße nach dem völkisch-antisemitischen Schriftsteller in „Theodor-Fritsch-Straße“ umbenannt. Auch die Stufen erhielten seinen Namen (Bild 8 und 9).
Am 16. Mai 1945 erfolgte nach Kriegsende die Rückbenennung. Bis heute gibt es in Meißen die Jüdenbergstraße, die an die früheste jüdische Besiedlung in Sachsen erinnert.
(Alexander Walther)
GND: 4038474-3
Quelle:
- Donath, Christiane: Misnia Judaica - Mittelalterliche hebräische Grabinschriften in Meißen und die Geschichte der Juden in der Mark Meißen bis zum 15. Jahrhundert, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege, Bd. 46 (2004), S. 391-484.
- Christl, Andreas: Die Meißner Judengemeinde im Mittelalter: Sachzeugen und Schriftquellen im Kontext, in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Bd. 23 (2011), S. 219-225.
- Lämmerhirt, Maike: Juden in den wettinischen Herrschaftsgebieten. Recht, Verwaltung und Wirtschaft im Spätmittelalter, Köln/Weimar/Wien 2007.
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